HINTERGRÜNDE

Für die Kenianer war der Ausbruch der Gewalt eine Katastrophe, die niemand erahnen konnte. Als „clashes“ bezeichnen sie selbst die bürgerkriegsähnlichen Unruhen im Jahr 2007/2008. Mehr als 1000 Menschen werden dabei im ganzen Land getötet. Zehntausende verlieren ihr Obdach, Hunderttausende sind auf der Flucht. Der Tourismus bricht zusammen, die Wirtschaft fährt auf Null. Ein Land steht auf der Kippe zur Anarchie – ein Land, das sich immer als stabil betrachtet hatte.

Brennende Kirchen, ein aufgehetzter Mob mit Waffen, Plünderungen – solche Bilder kannte man aus anderen afrikanischen Staaten, nicht aber aus dem seit Jahrzehnten friedlichen Kenia. Die „clashes“ sind für das ostafrikanische Land bis heute ein tiefer Schock.

Die brutalen Konflikte brechen nach der letzten Präsidentenwahl aus: Kandidaten unterschiedlicher ethnischer Gruppen behaupten, jeweils die meisten Stimmen erhalten zu haben. Politiker schüren die Wut, die Gewalt eskaliert. Opfer von Verfolgung zu werden, um sein Leben bangen zu müssen – dafür reicht es, einer anderen Ethnie anzugehören. Brandschatzungen und Hetzjagden erschüttern Kenia.

In der Nähe von Eldoret trifft die Gewalt gezielt die größte ethnische Gruppe des Landes, die Kikuyus. Unter den Opfern ist auch der Marathonläufer Paul Muigai Thuo und seine Familie. Sie leben seit 45 Jahren in dem Ort Gatonye, besitzen dort eine Farm mit acht Acre Land, haben Kühe und betreiben Landwirtschaft. In einem kleinen Laden verkaufen sie Lebensmittel. Am 28. Dezember 2007 ist Schluß damit. Endgültig.

In dieser Nacht bemerkt die Familie Feuer bei einem Nachbarn und sie sehen, wie dessen Haus brennt. Menschen schreien und rennen in Panik davon. Ein Mob angereister Gewalttäter und ortskundiger Einheimischer zündet in dem kleinen Ort die Häuser der Kikuyus an. Aber nur deren Häuser – alle anderen bleiben verschont. Pauls Familie flieht in dieser Nacht. Aus einem Versteck müssen sie zusehen, wie ihr Haus niederbrennt

Am nächsten Tag rettet sie Kipchoge Keino, der in der Nähe lebt. Der 68-jährige ist zweifacher Olympiasieger und eine lebende Legende in Kenia. Er gehört der gegnerischen Ethnie der Nandi / Kalenjin an, doch er will den Verfolgten beistehen. So fährt er die Familie Thuo unter Einsatz seines eigenen Lebens zur Kirche, wo ein riesiges Flüchtlingslager entsteht. Kipchoge Keino hat an diesem Tag solange Verfolgte in Sicherheit gebracht, bis es dunkel wurde. Dann war es zu gefährlich, weiterzumachen. “Ich glaube, ich habe mein Bestes gegeben – für die Menschlichkeit.“

Pauls Familie ist bis heute Eigentümer der acht Acre Land in Gatonye, verkaufen wollen sie es nicht. Eine neue Farm auf dem Grundstück zu errichten, trauen sie sich nicht. Ein Teufelskreis. Die anderen Kikuyus aus dem Ort sind schon weggezogen, teils haben sie ihren Grundbesitz verkauft – oft nur zu einem Bruchteil des ursprünglichen Wertes. „Plots for sail“ steht auf zahlreichen Schildern mit Telefonnummern von örtlichen Immobilienfirmen.

Offensichtlich hat sich ein schwunghafter Handel mit Grundstücken etabliert und vollzieht so eine Umverteilung von Land. In der Region mit den größten Zerstörungen blüht heute das Immobiliengeschäft – mit schwerwiegenden Folgen für die kleinen Leute, wie Paul und Isaak. Während der eine alles verliert, erlebt der andere einen sozialen Aufstieg.

Paul findet heraus, dass horrende Gewinnspannen das Geschäft anheizen. Die Käufer sind Kalenjin, wie Isaak Kiplagat Sang, Pauls Freund. In diesem Moment bietet sich ihm die Chance, billig eigenes Land zu erwerben, und er tut dies auch. Das Grundstück liegt direkt neben Pauls ehemaliger Farm. So gesehen wurde auch Isaak zum Profiteur der „clashes“.

Doch selbst hinter dieser Wahrheit stecken noch andere wichtige und ungekannte Details, die erst jetzt hervorbrechen. Zum Beispiel die Verfolgung von Isaak. In seinem Dorf Saroiyot gibt es Neider, die die anarchistischen Zustände ausnutzten, um einem sozialen Aufsteiger wie Isaak zu schaden. Oder war es gar die Freundschaft zu Paul und seiner Familie? War die Freundschaft der Hintergrund, so dass auch Isaak zu einem Verfolgten wurde? Auf jeden Fall wurde auch er zum Opfer, hatte davon jedoch nie etwas erzählt.

In seinem eigenen Dorf Saroiyot gab es Drohungen, auch sein Haus anzuzünden. So versteckte er sich in den Nächten mit seiner Familie nahe dem Fluß. „In einer Minute hätten Brandstifter mein Haus anzünden können“, sagt Isaak.

Hintergrund ist, dass in kurzer Zeit die Gewalt eskalierte und jeder Opfer werden konnte. Gruppen von Kikuyus schlugen brutal zurück. Auch Kalenjin der Gegend wurden ermordet. Selbst Unbeteiligte – wie eben Isaak – konnten in dieser Zeit verfolgt werden.

Wir recherchieren in Gatonye, Pauls Heimatort. Viele Einwohner wollen in den Tagen der Gewalt nichts gesehen haben, andere behaupten die Täter seien mit Lastwagen von außerhalb gekommen. Man hätte die Brandstifter auch nicht erkennen können, es wäre doch Nacht gewesen, erklärt uns ein Bauarbeiter. Seine Kollegen lachen.

Eine Gruppe Jugendlicher, die nicht offen vor der Kamera spricht, erklärt, wie alles begann: Auslöser sei die Wut über den „Wahlbetrug“ durch die Kikuyus gewesen. Da die verantwortlichen Politiker weit weg in Nairobi regieren, wäre man eben gegen die Mitglieder der örtlichen Ethnie vorgegangen. Es sei ganz schnell passiert – „aus purer Emotion“.

Für Paul gibt es zur Zeit keinen Ausweg. Er kann das Grundstück, von dem er und seine Familie vertrieben wurden und auf dem sie heute nicht mehr leben können, nicht einfach verkaufen. Hier liegt das Grab seines Vaters. Der sonst so optimistische Paul wirkt verzweifelt, wenn er fragt: „What shall we do?“

Auch wenn die spontane Gewalt nun vorbei sei, wütend sind die jugendlichen Brandstifter bis heute. Ob sie wieder Häuser anzünden würden? „Ja, wenn die Regierenden nicht machen, was wir wollen.“ Am Ende drohen sie: „We can start another round!“.